Mehr als 100 Ehrenamtliche kümmern sich beim Budenheimer Handballcamp um rund 150 Kinder. Wer denkt, dahinter stecke vor allem Organisation, übersieht die eigentliche Besonderheit des Camps.
Sie nehmen Urlaub, verschieben Reisen, kommen aus dem Studium zurück oder investieren ihre erste Ferienwoche. Jahr für Jahr engagieren sich mehr als 100 junge Menschen beim Budenheimer Handballcamp. Warum sie das tun und weshalb ihnen dabei schon früh Verantwortung übertragen wird, ist eine Geschichte, die viele Besucher des Camps gar nicht mitbekommen.
Aus verschiedenen Richtungen rollen Fahrräder auf den Schulhof. Autos halten kurz am Straßenrand. Taschen werden abgestellt, Umarmungen ausgetauscht und die ersten Gespräche beginnen. Für viele ist es das erste Wiedersehen seit Monaten. Einige studieren inzwischen in anderen Städten. Andere absolvieren eine Ausbildung oder stehen bereits im Berufsleben. Manche haben sich sogar Urlaub genommen, um beim Handballcamp dabei sein zu können. Viele von ihnen sehen sich tatsächlich nur einmal im Jahr.
Hier. Beim Handballcamp.
Während auf dem Schulhof noch erzählt und gelacht wird, beginnt hinter den Kulissen längst die Vorbereitung für die kommende Woche. Kisten werden geschleppt, Materialien eingeräumt, Räume vorbereitet und Spielstationen aufgebaut. Wer dabei zum ersten Mal als Betreuer dabei ist, erkennt schnell: Das Handballcamp funktioniert anders, als man es vielleicht erwarten würde. Denn obwohl sich mehr als 100 Betreuer engagieren, versucht niemand, jede Kleinigkeit vorzuschreiben. Verantwortung wird bewusst weitergegeben.
Mit diesen Worten beginnt traditionell die erste gemeinsame Ansprache von Camp-Leiter Fabian Vollmar. Für viele der Anwesenden ist dieser Satz mehr als eine Begrüßung. Die meisten standen früher selbst als Kinder auf dem Schulhof, wurden in Gruppen eingeteilt, entwickelten Teamsprüche und fieberten der ersten Übernachtung entgegen. Heute übernehmen sie selbst Verantwortung. Rund 90 Prozent der Betreuer waren früher Teilnehmer des Handballcamps. Viele wechseln direkt nach ihrer letzten möglichen Teilnahme auf die andere Seite und begleiten fortan selbst Gruppen durch die Camp-Woche. Die Jüngsten sind dabei gerade einmal 14 Jahre alt. Für manche Außenstehende mag das überraschend wirken. Kann man Jugendlichen in diesem Alter wirklich Verantwortung für Kinder übertragen? Die Erfahrungen der vergangenen Jahre liefern darauf eine klare Antwort. Ja.
Nicht weil junge Menschen alles perfekt machen. Sondern weil sie Verantwortung ernst nehmen, wenn man sie ihnen zutraut.
„Unsere Erfahrung ist, dass junge Menschen sehr verantwortungsvoll mit Vertrauen umgehen“, sagt Vollmar. „Sie machen nicht alles perfekt. Das muss auch niemand. Aber wenn man ihnen Verantwortung überträgt und gleichzeitig die Sicherheit gibt, dass immer jemand da ist, der unterstützt, dann wachsen sie an ihren Aufgaben.“
Genau dieses Prinzip prägt das gesamte Betreuersystem. Vor Beginn der Camp-Woche erhalten die Betreuer eine Schulung. Dort geht es um organisatorische Abläufe, um Sicherheit, um den Umgang mit Kindern und um die vielen kleinen Situationen, die während einer Woche mit 150 Kindern entstehen können. Vor allem aber geht es darum, den jungen Betreuern Sicherheit zu geben. Eine Botschaft wiederholt sich dabei regelmäßig: Niemand muss perfekt sein. Kinder spüren sehr schnell, ob jemand authentisch ist, ob sich jemand ehrlich bemüht und ob ihnen Wertschätzung entgegengebracht wird. Perfekte Ansagen oder perfekte Gruppenleiter braucht es dafür nicht.
Anschließend beginnt die Einteilung der Gruppen. Während Line Schuster und Julia Krikken die Kindergruppen zusammenstellen, verantwortet Fabian Vollmar die Einteilung der Betreuer. Zwölf Gruppen mit jeweils rund 13 Kindern entstehen auf diese Weise. Jede Gruppe wird von einem männlichen und einem weiblichen Gruppenführer begleitet und von weiteren Betreuern unterstützt. Dabei geht es um weit mehr als reine Organisation. Freunde werden bewusst getrennt. Geschwister landen nicht automatisch in derselben Gruppe. Mannschaftskameraden werden möglichst verteilt. Alle Kinder sollen die Chance bekommen, neue Kontakte zu knüpfen und Teil einer neuen Gemeinschaft zu werden.
Das Gleiche gilt oft auch für die Betreuer. Viele erleben während ihrer ersten Camp-Woche Dinge, die sie vorher noch nie gemacht haben. So ging es auch Elias Kiene und Liv Schiebeler. Beide spielen seit ihrer Kindheit bei den Sportfreunden Budenheim und waren über viele Jahre selbst Teilnehmer des Handballcamps. 2025 wechselten sie erstmals die Seiten und gehörten mit 14 Jahren zu den jüngsten Betreuern des gesamten Teams. „Vorher kennt man das Camp nur aus Sicht der Kinder“, erinnert sich Liv. „Als Betreuer merkt man plötzlich, wie viel dahintersteckt und wie viel Verantwortung man eigentlich hat.“ Auch Elias blickt auf seine erste Woche mit einem Schmunzeln zurück. „Ich hätte nicht gedacht, wie schnell man mit seiner Gruppe zusammenwächst. Am Ende war es komisch, dass die Woche plötzlich vorbei war.“ Beide erlebten dabei etwas, das viele Erstbetreuer überrascht. Die Kinder erwarten gar keine Perfektion. Sie erwarten Aufmerksamkeit, Verlässlichkeit und jemanden, der für sie da ist.
Viele junge Betreuer erleben während ihrer ersten Woche zum ersten Mal, was es bedeutet, vor einer Gruppe zu stehen. Sie müssen Aufmerksamkeit erzeugen, Entscheidungen treffen, Konflikte lösen und gleichzeitig dafür sorgen, dass alle Kinder eine gute Woche erleben. Dabei machen fast alle dieselben Erfahrungen. Viele sprechen anfangs zu leise. Manche wollen lieber mitspielen als anleiten. Andere merken erst nach wenigen Tagen, wie anstrengend es sein kann, von morgens um sieben Uhr bis spät in den Abend Verantwortung zu tragen.
Besonders deutlich wird das während der Übernachtungen. Während erfahrene Betreuer längst wissen, wie wertvoll ein paar Stunden Schlaf sein können, möchten viele der Jüngeren am liebsten die ganze Nacht wach bleiben. Spätestens am Freitag zeigt sich meist, warum die Älteren davon abraten. Doch genau diese Erfahrungen sind gewollt. Nicht jeder Betreuer wird später Trainer. Nicht jeder möchte ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren. Nicht jeder wird dauerhaft im Verein aktiv bleiben. Und das muss auch niemand.
Trotzdem lernen die meisten in dieser Woche etwas über Verantwortung, Verlässlichkeit, Teamarbeit und den Umgang mit anderen Menschen. Genau deshalb profitiert nicht nur das Camp von seinen Betreuern. Auch die Betreuer profitieren vom Camp. Für Vollmar liegt genau darin die eigentliche Stärke des Systems.
„Wir könnten das Handballcamp niemals mit fünf Organisatoren durchführen. Das funktioniert nur, weil wir bereit sind, Verantwortung weiterzugeben und jungen Menschen etwas zuzutrauen.“
Am Freitagabend sind die Kinder längst abgeholt. Die Teamschreie sind verklungen. Die letzten Materialien verstaut. Was bleibt, sind mehr als 100 Betreuer, die gemeinsam auf eine intensive Woche zurückblicken. Auf dem Schulhof werden Geschichten erzählt. Lustige Situationen werden noch einmal durchgesprochen. Kleine Krisen, die während der Woche für Stress gesorgt haben, sorgen plötzlich für Gelächter. Alle sind müde. Viele haben zu wenig geschlafen. Einige haben einen ordentlichen Sonnenbrand. Und trotzdem möchte kaum jemand, dass dieser Abend endet. Vielleicht ist genau das der beste Beweis dafür, dass das Konzept funktioniert.
Aus mehr als 100 Betreuern ist in dieser Woche längst mehr geworden als eine Organisation.
Aus ihnen ist ein Team geworden.