Viele Kinder verbringen eine Woche ihrer Sommerferien beim Budenheimer Handballcamp. Einige kommen Jahr für Jahr zurück. Und manche stehen irgendwann auf der anderen Seite – als Betreuer, Trainer oder sogar als Teil der Organisation. Genau diese Entwicklung macht das HaBaCa seit Jahren zu etwas Besonderem.
Wer beim Handballcamp durch die Reihen der Betreuer schaut, entdeckt eine Besonderheit, die man auf den ersten Blick leicht übersieht. Viele der Jugendlichen und jungen Erwachsenen standen früher selbst als Teilnehmer in der Halle, gestalteten Gruppenbanner, erfanden Teamsprüche und schliefen mit ihren Freunden auf Isomatten in der kleinen Turnhalle. Heute übernehmen sie Verantwortung für die nächste Generation. Genau darin liegt eines der Erfolgsgeheimnisse des HaBaCa.
„Wo ist meine Zahnbürste?“, ruft ein Kind quer durch die Halle. Wenige Meter weiter werden Schlafsäcke ausgerollt, Luftmatratzen aufgepumpt und die letzten Plätze für die Nacht reserviert. Einige Kinder laufen aufgeregt zwischen ihren Freunden hin und her, andere haben sich längst eingerichtet. Mitten im Trubel bewegen sich die Betreuer von Gruppe zu Gruppe, beantworten Fragen, helfen beim Organisieren und sorgen dafür, dass am Ende jeder seinen Platz findet. Für die Kinder gehört dieser Abend zu den Höhepunkten der Woche. Für Felix Krining ist er gleichzeitig eine kleine Reise in die Vergangenheit. Vor einigen Jahren lag er selbst hier auf dem Hallenboden. Mit Schlafsack, Zahnbürste und der Vorfreude auf die erste Übernachtung. Heute gehört er zu den Betreuern, die dafür sorgen, dass andere Kinder ähnliche Erinnerungen mit nach Hause nehmen können.
Wann genau sein erstes Handballcamp war, weiß Felix selbst nicht mehr. „Ich war noch in der Grundschule. Das Camp war einfach jedes Jahr da. Für mich gehörte das ganz selbstverständlich zu den Sommerferien.“ An vieles erinnert er sich trotzdem noch genau. An die Übernachtungen, an die Teamschreie und an die gemeinsamen Aktionen mit den anderen Gruppen. „Als Kind fand man die Betreuer natürlich cool. Die haben sich immer irgendetwas ausgedacht und man hatte das Gefühl, die kennen hier alles.“
Als er alt genug war, wechselte Felix die Seiten und wurde selbst Betreuer. Später engagierte er sich zusätzlich im Verein, unterstützte Jugendmannschaften als Co-Trainer und absolviert heute sein Freiwilliges Soziales Jahr bei den Sportfreunden Budenheim. Besonders im Gedächtnis geblieben ist ihm ein Moment aus einer der vergangenen Campwochen. „Ein Kind hat mich irgendwann gefragt, ob ich nächstes Jahr wieder sein Betreuer bin“, erzählt er und lacht. „Das war irgendwie komisch. Früher habe ich selbst solche Fragen gestellt. Da merkt man plötzlich, dass man auf der anderen Seite angekommen ist.“
Seit vielen Jahren verfolgt das Handballcamp einen Gedanken, der auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, für den Verein aber enorm wichtig geworden ist: Kinder sollen nicht nur eine gute Woche erleben. Sie sollen Verantwortung übernehmen, Gemeinschaft erleben und idealerweise irgendwann selbst etwas zurückgeben.
Was nach einem theoretischen Konzept klingt, zeigt sich heute ganz praktisch im Betreuerteam. Viele der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die Gruppen begleiten, Spiele anleiten oder nachts durch die Turnhalle laufen, waren früher selbst Teilnehmer. Sie kennen die Abläufe, die Traditionen und die kleinen Besonderheiten des Camps aus eigener Erfahrung. Ein Beispiel dafür ist auch Levin Schuster. Wie viele andere begann sein Weg als Teilnehmer beim Handballcamp, später übernahm er Aufgaben als Betreuer. Heute engagiert er sich gemeinsam mit seinem Vater Volker Schuster als Trainer im weiblichen Nachwuchsbereich der Sportfreunde Budenheim. Ein ungewöhnlicher Weg ist das im HaBaCa längst nicht mehr.
Kinder erleben das Camp, wachsen mit ihm auf und übernehmen später Verantwortung – zunächst als Betreuer, später häufig auch an anderer Stelle im Verein.
Eine von ihnen ist Nele Krikken. Die Fünfzehnjährige gehört inzwischen ebenfalls zum Betreuerteam. Ihre Geschichte beginnt allerdings sogar noch etwas früher. „Eigentlich war ich vor meiner Mutter beim Handballcamp“, erzählt sie lachend. Tatsächlich war Nele zunächst selbst Teilnehmerin, bevor ihre Mutter Julia Krikken immer stärker in die Organisation eingebunden wurde und schließlich Teil des Orga-Teams wurde. Heute kümmern sich beide auf unterschiedliche Weise um das Camp. Der Wechsel von der Teilnehmerin zur Betreuerin verlief für Nele allerdings anders, als sie es sich vorgestellt hatte. „Als Teilnehmer denkt man immer, die Betreuer hätten einfach die ganze Woche Spaß. Und natürlich macht es Spaß. Aber man merkt erst als Betreuer, wie anstrengend das eigentlich ist.“ Die Tage beginnen früh und enden spät. Irgendjemand braucht immer Hilfe, hat eine Frage oder sucht Unterstützung. „Du bist eigentlich die ganze Zeit ansprechbar. Mal fehlt eine Trinkflasche, mal gibt es Streit, mal hat jemand Heimweh. Da merkt man schon, dass man Verantwortung hat.“ Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr ein Kind, das am ersten Abend eigentlich nur noch nach Hause wollte. „Wir haben uns einfach dazugesetzt und versucht, ein bisschen zu reden“, erzählt sie. „Am Ende blieb das Kind die ganze Woche.“ Als es am Freitag abgeholt wurde, fragte es direkt, ob es im nächsten Jahr wiederkommen dürfe. „Das war schon ein schöner Moment.“
Genau diese Verantwortung ist es, die viele ehemalige Teilnehmer im Camp zum ersten Mal erleben. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass diese Entwicklung häufig nicht beim Handballcamp endet. Felix Krining und Nele Krikken stehen heute gemeinsam bei den Minis der Sportfreunde Budenheim in der Halle. Beide unterstützen die jüngsten Handballer des Vereins bei ihren ersten Schritten im Sport. Regelmäßig begegnen sie dort Kindern wieder, die sie wenige Wochen zuvor noch im Handballcamp betreut haben. Vor einigen Jahren standen sie selbst noch als Teilnehmer beim Handballcamp, gestalteten Banner oder überlegten sich Teamsprüche für ihre Gruppen. Heute erklären sie Kindern Fangspiele, helfen beim Prellen und sorgen dafür, dass die Kleinsten Spaß am Handball haben. Der Weg vom Camp-Kind zum Betreuer ist bei beiden längst nicht zu Ende.
Für Fabian Vollmar zeigt sich die eigentliche Wirkung des Handballcamps häufig erst Jahre später. Nicht während der Camp-Woche, sondern lange danach. „Wenn ehemalige Teilnehmer später als Betreuer zurückkommen, Mannschaften trainieren oder Verantwortung im Verein übernehmen, dann merkt man erst, welchen Einfluss das Camp eigentlich haben kann“, sagt der Camp-Leiter.
Genau diese Entwicklung lässt sich an vielen Stellen beobachten. Einige ehemalige Teilnehmer engagieren sich heute als Betreuer. Andere trainieren Mannschaften oder unterstützen den Verein in organisatorischen Aufgaben. Wieder andere bleiben dem Camp einfach als Helfer verbunden. So entsteht über die Jahre ein Kreislauf, der das Handballcamp bis heute prägt.
Am letzten Camp-Tag wird diese Entwicklung besonders sichtbar. Wenn sich alle Gruppen noch einmal in der Halle versammeln, ihre Teamschreie präsentieren und gemeinsam das HaBaCa-Lied singen, stehen ehemalige Teilnehmer und aktuelle Camp-Kinder Seite an Seite. Die einen erleben diesen Moment zum ersten Mal. Die anderen kennen ihn seit vielen Jahren. Wer genau hinschaut, entdeckt unter den Betreuern zahlreiche ehemalige Teilnehmer. Einige von ihnen trainieren inzwischen Mannschaften, andere engagieren sich an anderer Stelle im Verein. Wieder andere werden in den kommenden Jahren vielleicht selbst Verantwortung übernehmen.
Wenn die Gruppen am Freitagnachmittag ihre letzten Teamschreie präsentieren, hören viele Betreuer dieselbe Mischung aus Stolz und Wehmut, die sie selbst als Kinder erlebt haben. Das Handballcamp endet für viele deshalb nicht mit dem letzten Camp-Tag. Es begleitet sie oft deutlich länger. Felix Krining beschreibt es mit einem einfachen Satz: „Früher haben andere sich Zeit für uns genommen. Heute können wir das für die nächsten Kinder machen.“